Freitag, 26. Oktober 2012

Physiotherapie oder »Ein Sonnenstrahl«


   Der Tag begann so trübe wie ist das Wetter
   Wie konnte es auch anders sein, da sich der Sommer schon lange verabschiedet hatte und nun sich auch der Herbst dem Ende zu neigt. Selbst das Licht des Tages spendete er nicht, beim Aufstehn morgens, um ein Bild zu schenken von ihm – dem Tag –, der kurz sein würde, weil die Sonne – kaum dass sie aufging im Südosten, schon wieder unterging im Südwesten.
   Dann endlich zeigte er sich – der Tag – grau, nass und kalt, die Nebel verhüllten die Berge.
Mein Frühstück war schnell eingenommen, das Notwendigste für den Tag gemacht, und was blieb zu tun? Unlust hatte mich beschlichen, ja, auch ein wenig Traurigkeit, oder war es Sentimentalität?
   Ich beschloss, ein paar Zeilen an Hanni zu schreiben, um mit ihr diese Stimmung zu teilen oder sie uns beiden ein wenig aufzuhellen. Es gelang mir nicht. Aus dem Keller holte ich noch die Winter-Garderobe, war doch für morgen bereits Frost und Schnee angesagt. Auch das noch! Ich las noch etwas, dann überlegte ich, dass ich heute nicht in die Post zum Essen fahren würde, sondern nach Wildenwart, in jene Schlosswirtschaft, in der ich mich immer wohl gefühlt hatte. Zuvor aber wollte ich noch Hanni den Brief bringen, den ich ihr geschrieben hatte.
   Im Tal lag dichter Nebel; hier oben [in Höhenmoos] war er nur wie ein silberner Schleier, der über der trüben Landschaft hing, wie der Trauerschleier einer jungen Witwe.
   Die gestern gewaschene Wäsche wollte ich noch von der Leine nehmen, aber sie hing nass, kalt und träge wie die Gedanken. [Da wär halt ein Trockner recht. fj] Dann fuhr ich ab. Hinter dem Waldstück öffnete sich der Nebel, und schon bald war ich bei Hanni und traf sie in ihrem Garten.
   Ich hab’ ihr erzählt, was ich in der Nacht geträumt hatte.
   Wir waren zu dritt zu einer kleinen Reise aufgebrochen, hatten beim »Wilden Mann« übernachtet, einem kleinen Hotel mit auserlesener Küche und bestem Service, etwas oberhalb, südlich von Innsbruck, und waren am nächsten Morgen weitergefahren nach Südtirol.
   In Brixen waren wir, im Hotel zum »Goldenen Adler« und auch in Bozen, wie das im Traum so durcheinander geht. Das alles sind Stationen der Erinnerungen an Reisen mit meiner verstorbenen Frau.
   Ich hatte mich bereits verabschiedet, als eine junge Frau aus dem Haus kam und mit Hanni redete. Mir war sie nicht vorgestellt worden, und ich konnte dem Gespräch auch nicht sogleich entnehmen, in welcher Beziehung sie zum Haus oder zur Situation stand. Ich sah nur in ihr Gesicht, hörte sie sprechen, aber meine Ohren sind zu schlecht, um verstanden zu haben, was gesprochen wurde. Doch schon bald wurde ich ins Gespräch einbezogen, und bemerkte, dass diese junge Frau aus Bozen war und Hannis Vater physiotherapeutisch behandelt. Was für ein merkwürdiger Zufall!
   Ich erzählte ihr viel von dem, was ich von Südtirol kenne, von Brixen, von Bozen, vom wundervollen Hotel »Mondschein«, vom Schlern, diesem wundervollen Berg, von Tölz [Völs meint Schuldt wohl, Völs am Schlern:], vom Völser Weiher, wo wir an heißen Sommertagen badeten, vom Finsterwirt, vom Brückenwirt, zitierte die Zeile von Britting »Als der Zug über den Brenner fuhr / wurde der Himmel hell« (siehe unten) – und vergaß den grauen Tag!
   Meiner Einladung an sie, mitzukommen nach Wildenwart, zum Essen, mußte sie leider absagen.
   Mit ihr war der Himmel aufgebrochen, und wie ein Sonnenstrahl erhellte sie den Tag. Was ging mir danach noch alles durch den Kopf, was fiel mir alles ein, was alles hätte ich ihr erzählen können! Vom Gemüsemarkt [Obstmarkt] in Bozen, diesem einmaligen in der Welt, an dem es am Ende ein kleines Lokal gibt mit eigener kleiner Brauerei [»Hopfen …«]. Vom Sarntal, das man nördlich von Bozen erreicht, in dem ein Freund von mir einen alten Hof aus dem Mittelalter besitzt, den Siebenfahrerhof. Von dem Tal in der Nähe von Bozen, in dem sich die Geschichte abspielt, die unter dem Titel »die Windhunde« von Britting erzählt wird und die eine so merkwürdige Methode der Tilgung von Schuld enthält! Von den Zwillingen des Arztehepaars aus dem Inntal, die nach Brixen verheiratet wurden, in Brittings Erzählung »die Wallfahrt«. Und von, von, von, ... Wir hätten dort schon übernachten müssen, und selbst dann wäre vieles unerzählt geblieben!
   Britting hatte seiner Frau immer gesagt: »Wenn einer von uns zuerst stirbt, ziehe ich nach Bozen!« Er ist natürlich vor ihr gestorben. Sie wurde meine Frau, die nicht nach Bozen zog, aber sehr oft mit mir gemeinsam dort war.
   Ja, da fällt mir ein, dass wir auch mit dem Museum in Bozen zu tun hatten, das einige Bilder von uns erwarb, von dem Maler Werner Scholz, der viele Südtiroler Motive gemalt hat. Und von [Guido] Zangrando, dem italienischen Journalisten, müsste ich erzählen, der in Verona ansässig war, und der uns Zugang verschafft hatte in Villen, Schlösser und Paläste rund um den Gardasee Und der es sich immer, wenn wir da waren, nicht nehmen ließ, ein Foto meiner Frau in die Zeitung zu bringen und einige Gedichte von Britting. Er war verliebt in meine Frau, und ich hatte große Mühe, ihn abzuwehren! Wer weiß, wie verliebte Italiener sind, der wird das verstehen.
   Doch nun Schluss. Das sollte ja auch nicht das Thema sein!
   Ja, was aber ist denn das Thema? Es muss nicht immer ein Thema sein! Genügt es nicht, dass eine junge Frau aus Bozen einem alten Mann den Tag vergoldet hat?
   Ihr nun sei das Gedicht übergeben, dessen ersten zwei Zeilen ich zitierte, ihr seien auch die von mir edierten »Italienischen Impressionen« übergeben –
   und das mit einem ganz herzlichen Gruß von Hans-Joachim Schuldt.

Erste Italienfahrt

Und als der Zug übern Brenner fuhr,
Wurde der Himmel hell,
Die Wolken weniger, kleiner, und nur
Eine beharrliche flog mit uns schnell.
Bei Verona zerging auch sie,
Und der Himmel war blau und allein.
Bis zum Brenner sah man viel scheckiges Vieh,
Dann nicht mehr, dann nur mehr Wein.
Die Häuser sahen wie Würfel aus
Und hatten ein flaches Dach.
Und kein Wind ging.  Der ging wohl in nordischen Wäldern mit Braus.
Nur Weizen wogte hier schwach.
Florenz war schön und war alt wie Stein
Und hatte ein strenges Gesicht,
Der Arno war stumpf wie ein Sumpf und kein
Mondstrahl brachte ihm Licht.
Der Mond, der war wohl im Norden, rot
Und gelb über Wiesen und Rohr.
Hier in der Schenke bei Wein und Brot
Scholls fremd an unser Ohr.
Wir saßen verlorn wie im Käs der Wurm,
Der Arno dunkelte, schwieg,
Bis der Morgen kam, bis der steinerne Turm
In den grünen Himmel stieg.

Da trugen die Morgenhügel
Toskanas Zypressen schmal,
Und ein Raubvogel, ernst, ohne Flügel
Zu rühren, hing über dem Tal.

Georg Britting



Hier noch eine kleine »Nachgeschichte« über den genannten Journalisten »Professor« Guido Zangrando. Eine Kür von Fritz Jörn, dem Lektor hier. Geschrieben hat sie Giuseppe Brugnoli, veröffentlicht wurde sie im Stadtmagazin »Verona In«, in diesem unvergleichlich schönen Italienisch mit seinem lange Sätze tragenden Stil und seiner Erzählvergangenheit, dem passato remoto, wörtlich dem fern Vergangenen. Ich beschränke mich aud das Ende, auf die Pointe:

«el último beso de Alfonso de Portago»

Erst Mensch, dann Journalist

Das war Guido Zangrando. Doch sein Meisterstück vollführte er im Zusammenhang mit einem schweren Unglück. Er war zusammen mit Korrespondenten aus ganz Italien eiligst nach Guidizzolo bei Mantua entsandt worden. Das war 1957, man fuhr gerade die Mille Miglia; es sollte die letzte sein, denn danach wurde sie ausgesetzt, eben wegen dieser Tragödie an eben diesem Ort. »Marchese« (Markgraf) Alfonso de Portago, ein spanischer »Hidalgo« – Sohn also aus bester Familie –, schön und herzlich, den schon bei seiner Taufe König Alfonso von Spanien gehalten hatte, und der einen Prototypen Ferrari Sport fuhr, war wenige Kilometer vor dem Ziel in Brescia von der Straße abgekommen. Er tötete sich selbst, 28 Jahre alt, und weitere acht Personen, darunter drei Kinder. Zangrando kam als einer der ersten Journalisten an, und seine Agentur, die Ansa, begann sofort Eilnachrichten und Berichte durchzugeben, präzise und pünktlich wie immer, nur vielleicht ohne dieses Kolorit, ohne Beschreibungen von Stimmung und Personen, die Zangrandos berufliches Können so wesentlich prägten.
   Ich fragte ihn nach dem Grund dieser Nüchternheit, dieser Trockenheit. Ein wenig widerwillig gestand er mir, dass kurz nach seiner Ankunft in diesem kleinen Ort im Mantovesischen auch Linda Christian ankam, ganz verwirrt und verzweifelt. Sie war mit dem schönen Fahrer des Ferraris liiert, verband mit ihm – wie man damals so keusch sagte – eine »gefühlsvolle Freundschaft«, eine «affetuosa amicizia». Die Schauspielerin, damals auf der Höhe ihrer Bekanntheit, die später den ebenso berühmten Tyrone Power heiraten sollte, hatte de Portago am Streckenposten in Rom verabschiedet und war fotografiert worden, wie sie ihn vor dem Start geküsst hatte. Dann war sie nach Ciampino geeilt, dem römischen Flughafen, und hatte ein Privatflugzeug nach Linate bei Mailand bestiegen, um danach im Auto an das Ziel in Brescia zu eilen und ihn dort wieder in die Arme zu schließen. In Brescia kam de Portago nie an, und Linda Christian wurde nach Guidizzolo geschickt. »Als ich ankam«, erzählte mir der große Guido, »war sie erschüttert und weinte, konnte kein Wort Italienisch, und da war nur ich, der Englisch sprach. Sie hing sich an mich. Ich brachte sie in ein nahegelegenes Haus. Dort erzählte sie mir alles über sich, über ihn, über ihre Liebe. Nach einigen Stunden fragte sie mich, wie ich denn in diesen Ort käme. Ich sagte ihr, ich sei Journalist, und hier eben wegen dem Unglück. Sie bekam einen Weinanfall und sagte mir, ihre Geschichte würde in allen Zeitungen der Welt erscheinen. Woraufhin ich mich aufrichtete, aufstand und ihr sagte: ›Signora, noch bevor ich Journalist bin, bin ich in erster Linie Mensch. Und ein Herr.‹«
   In der Tat hat Guido Zangrando von dieser Episode, von diesem so außergewöhnlichen Zusammentreffen in einem so außergewöhnlichen Augenblick, die das Glück jedes Journalisten in den Gazetten der halben Welt bedeutet hätte, nie auch nur ein Wort verlauten lassen.

– Vom Unglück gibt es leicht unterschiedliche Berichte. Hier schreibt Brugnoli vom Fahrer und acht weiteren Toten, insgesamt also neun, sonst sind es mit dem Beifahrer Edmund Nelson insgesamt elf (s. it. Wikipedia). Das Auto war der Ferrari 335 S Nummer 531.

Linda Christian in de Portagos Ferrari 860 S,
Kubanischer Grand Prix 1957 (Foto Flickr)


Mittwoch, 17. Oktober 2012

Philemon und Baucis in Russland

Das Wort Philoxenia, Gastfreundschaft und zugleich Zuneigung zu Fremden, hat mich auf Philemon und Baucis gebracht und zu einem alten Ehepaar im Kriegswinter in Russland. Wann und wo das war, das weiß ich nicht mehr genau. Einzelheiten sind unwichtig, Erinnern und Fantasie vermischen sich. Das Wesentliche aber ist wahr.
   Klagend hoben die Menschen die Hände vor das Gesicht, wenn man als deutscher Soldat in Russland mit ihnen sprach, klagten Woina, Woina, Война, Война, Krieg, Krieg, in dieser gesteigerten, höchsten Ausprägung, viel stärker, als es eine Übersetzung sagt. Nein, Väterchen Stalin mochten sie nicht, doch hatten sie sich eingerichtet in unvorstellbare Bescheidenheit. Dann aber brach der Krieg über ihr Land herein und zwang sie zwischen zwei Gewalten, zwischen denen ihnen bestenfalls das Leben blieb.
   So lebten auch die beiden – von mir so genannten – Philemon und Baucis, als russische Truppen eine deutsche Einheit eingeschlossen hatten, die dem eingebrochenen Winter mit seinen strengen Frösten und Schnee nicht gewachsen war und sich mühsam zu befreien suchte.
   Irgendwo dann, zwischen Kriegsschrott nach Verwertbarem suchend, fanden sie einen im Schnee liegenden deutschen Soldaten. Er schien unverletzt und schlief. Sie sprachen ihn an, er aber reagierte nur verworren und zufrieden lächelnd.
   Den, den sie dort gefunden hatten, das war ich.
Pferdeführer in Schneesturm
Ostfront 15. 1. 1942
Foto Lachmann, Bundesarchiv

   Was vorher mit mir geschehen war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur daran noch, dass ich zu Tode erschöpft von meinen Kameraden auf einen Panjewagen gelegt worden war, der unter Beschuss geraten und umgestürzt war, und ich dann einen Hang hinunter rollte in ein herrlich weißes Bett aus Pulverschnee. Dort muss ich in tiefen Schlaf gefallen sein.
   Sehr lange kann es nicht gewesen seien, dass ich so selig geschlafen hatte, denn sonst hätte man mich nur noch erstarrt gefunden. So aber erwachte ich, sehr verwundert, auf Fellen liegend, eine Holzdecke knapp über meinem Kopf. (Ich lag auf einem der typischen Öfen in Russland – ähnlich denen in alten Bauerhäusern hier. Der Abstand zur hölzernen Decke dürfte höchstens einen Meter betragen haben.) Wo bist du?, fragte ich mich, als ich das Gackern von Hühnern unter mir hörte. Als ich mich aufrichten wollte, sah ich in das faltige Gesicht einer Frau. Sie sprach russisch auf mich ein, bot mir in einem tassenähnlichen Gefäß dampfende Flüssigkeit, die rot war wie Karmesin, und deutete mir an: trinken, trinken! Nach meinem fragenden und wohl auch etwas misstrauischen Blick eilte sie davon und kam mit der Scherbe eines Spiegels zurück, den sie mir vors Gesicht hielt. Was ich dort sah, war ein gelber Kerl in desolatem Zustand (Gelbsucht). So fühlte ich mich auch. Ich schlief bald wieder ein, irgendwelcher Sorgen um mein Wie, Wo, Was nicht gedenkend. Von Philmon, einem alten zahnlosen Man mit liebenswürdigem Gesicht und kleinen glänzenden Augen, die ein wenig mongolisch aussahen, wurde ich geweckt zu einer bescheidenen Mahlzeit. Und immer wieder verfiel ich in tiefen Schlaf, bis ich irgendwann von Philemon erregt geweckt wurde mit den Worten Ruski, Ruski. (Ruski rief er, weil Russen deutsche Truppen vor sich hertrieben, und er verhindern wollte, dass ich ihnen in die Hände fiele.) Als ich vor die Türe trat, sah ich deutsche Truppen, darunter eine Zugmaschine, von der mir erregt und erfreut ein Feldwebel zurief: Komm, wir brechen aus!
   Der Durchbruch aus dem Kessel gelang, wenn auch unter Beschuss, so doch mit Erfolg.
   Was dann geschah, ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall wurde ich vom Feldarzt sofort in einen Zug in Richtung Heimat beordert und landete schließlich in einem Lazarett in Lemberg.
   »Philemon und Baucis« hatten mir nicht nur Gastfreundschaft, Philoxenia, erwiesen, sie hatten mir das Leben gerettet.
   Ich werde sie nie vergessen!

Dienstag, 28. August 2012

Wollwürste

... Du sollst beim Mahle nicht
Einsiedler sein, auf einsam schweifender
Gedankenfahrt: ein dich Begreifender, 

...
aus Georg Brittings Gedicht »Das gute Mahl«.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wollwurst
   Dessen gedenkend ging ich auch des Abends in die Wirtsstube der Post. Nur eine Kleinigkeit zu essen war mein Begehren, hatte ich doch mittags schon gut gegessen.
   Mein kleiner Tisch, an dem ich sonst immer zu sitzen pflege, war durch einen neuen, größeren ersetzt worden, was ich bedauerte, obwohl sich der junge neue zwischen den vielen alten gut ausnahm.
   Die Speisekarte kenne ich schon auswendig, ein kurzer Blick ließ mich bei den Wollwürsten mit Kartoffelsalat hängen, bei denen schon der niedrige Preis auf keine allzu große Portion schließen ließ. Ein Bier dazu, dacht’ ich, grad recht. Die Bestellung war schnell aufgegeben und mein I-Pad geöffnet, zum Empfangen und Senden was noch zu schreiben war. So dort sitzend kennt man den Alten schon, der zum Inventar des Hauses gehört und entsprechend gut behandelt wird.
   »So, jetzt wird gegessen und nicht geschrieben«, hörte ich die Wirtin sagen, die mir die Würste selber brachte und mir lachend guten Appetit wünschte. Für fünf Euro zwanzig eine erstaunliche Kreation von weißen Würsten in gelbem Salat mit roten Tomaten, grünen Gurkenscheiben und süßem Senf garniert, den ich da genussvoll betrachtete, als ich mich plötzlich beobachtet fühlte.    In gut fünf Meter Entfernung sah ich eine Frau, leicht vorgebeugt, mich betrachten. Als sie meinen Blick empfing, verbeugte sie sich mehrmals noch tiefer und näherte sich mir mit vorsichtigen Schritten. O weh, dachte ich – mein schlechtes Personengedächtnis verwünschend – wer ist das nur? Nun, da sie mir nähergekommen war, erkannte ich, dass es eine Japanerin war. Nicht mehr gerade jung, eine reife Lotusblüte mit dem Charme verblühender Schönheit, sehr klein – und, ach ja, sich immer wieder verbeugend, dass es mir schon peinlich wurde. »Was ist es nur, was sie bei mir so interessiert?« grübelte ich so vor mich hin, in den wenigen Sekunden, die so eine Begegnung dauert, und »woher kennt sie dich?«. Es wird mein I-Pad sein, der sie interessiert, doch dem würdigte sie keinen Blick, und in meiner Verwirrung dachte ich, werden’s halt die Wollwürst’ sein. So erklärte ich ihr, die aufmerksam zuhörte, was Wollwürst wären, dass sie nicht aus Wolle seien und auch nicht gestrickt würden, es eine bayerische Spezialität eben, die ich ihr anempföhle.
   Geduldig, aufmerksam und in respektvoller Haltung hatte sie das alle angehört und sich dann dankend und langsam rückwärts schreitend mit vielen Verbeugungen entfernt.
   Beim Verzehr der Würst’ ging mir dann durch den Kopf, was aus der Kiste von Bildung und Lebenserfahrung erst langsam heraus gekramt werden musste, und im Stillen verfluchte ich die Wollwürst’, die ich bei so einer sakralen Handlung der Altersverehrung als Opfergabe zu sehr gepriesen zu haben meinte. So entschloss ich mich, beim Heimgehen noch ihren Tisch aufzusuchen, um ein paar bessere Worte zu finden, die im Schatzkorb dieser Dame den Weg nach Japan finden könnten.
   Am Ende des Raumes – hinter mir – fand ich sie dann, die mich huldvoll anlächelt, im Kreis von zwölf Japanern, die sich auf gleiche Weise verbeugend meinen Abschiedsgruß erwiderten.
Zu einem Gespräch kam es leider nicht mehr.
   Sie alle aßen Wollwürst’!
   Am nächsten Morgen fand ich dann in der lokalen Presse einen Bericht über einen im Schloss Amerang stattgefunden habenden Disputs über Seniorenfragen und dazu einen Beitrag eines japanischen Professors über die Tradition der Altersverehrung.
Das ist bayerische Küche, das sind Wollwürst’,
wie sie die Post in Rohrdorf zu bieten hat,
in der es die einzige Köchin (Margit) der Welt gibt,
die (eigenhändig) mit der »silbernen Rose«
ausgezeichnet ist! – Foto Schuldt
   Ein Anruf im Hotel zur Post mit dem Versuch, noch einen Kontakt herzustellen, blieb leider ohne Erfolg. Welche Bedeutung nun die Wollwürst’ in Japan bekommen haben, weiß ich nicht. Für mich werden sie für immer mit dieser Begegnung verbunden bleiben.

Hier »Wollwürste mit Grünkohl-Meerrettich-Salat und Walnüssen«  von Alfons Schuhbeck. Grünkohl in Bayern? Fremd ist das wie ein bayrisches »Tschüss« oder »Hi« als Gruß, statt »pfiat Gott« (behüte dich Gott) oder »Grüßdi«, neu wie »Schorle« im Biergarten statt einem »g’spritzten Apfelsaft«. Mit Kren dran (vulgo »Meerrettich«) mag Grünkohl noch gehen, den man anasonsten stilecht mit Pinkel genießt, aber halt nicht in Bayern. Sagt fj.

PS. Was ein »Preiß’« blauäugig unter Wollwürsten versteht, sehen Sie hier:
Nationales Strick-Kopfband
(Von hier: »Man braucht: Strickliesel, drei verschiedenfarbene Wollknäuel. Drei verschiedenfarbige Wollwürste stricklieseln, diese flechten und hinten zusammenbinden.«
Pizzeria in Tansau

   Heut versuche ich wieder einmal die italienische Küche!
   Tansau ist keine chinesische Provinz. Tansau liegt im Inntal, nicht weit von Rohrdorf entfernt, ich schätze acht Kilometer von Höhenmoos – vom Computer aus gesehen hier, Fabrikstraße 10. Es gehört zur gleichen Gemeinde und dürfte eine gute Quelle für Steuereinnahmen sein, da sich hier einige Industriebetriebe niedergelassen haben.
   Das Lokal ist geräumig, hat einen Vorgarten und innen einen gewaltigen Pizzaofen, der aber leider auch die Räume heizt.

   Auf der Speisekarte entdecke ich Cozze, das sind Miesmuscheln, die die Italiener vorzüglich zuzubereiten wissen. Natürlich bestelle ich die und esse sie – wie sich das gehört – mit den Fingern. Die Italiener freut’s, die Deutschen staunen, Servietten gibt es genug. Ein sehr guter Sud und heiß,  wie’s sein muss. Mich erinnert’s an meine ersten Italienreisen, bei denen ich von meiner Frau das alles lernte, sprach sie doch nicht nur gut italienisch sondern war ihr die Lebensart vertraut.
   Zum italienischen Ambiente gehört nun mal der Mensch – der italienische – und der ist doch so ganz anders als jener aus dem kühlen Norden. Bei uns hier hockt ein jeder brav gesittet an seinem Tisch. Man flüstert miteinander und isst natürlich wie ein gut gesitteter Mitteleuropäer mit Messer und Gabel, serviettenbehängt. Da war es gestern Abend ganz anders, als mich ein Regenguss vom Garten an einen Stammtisch zwang, an dem ich ungewollt bald der Mittelpunkt war.
   Aber: Man sitzt nicht alleine, sieht wenigstens wie im Zoo ein paar Exemplare Mensch. Nein, wie bei den Affen – von denen wir ja abstammen sollen – geht es hier (leider!) nicht zu; es sei denn bei mir, der ich mit den Händen fraß!
   Eine Crème Caramel gibt es nicht, nur was auf der Karte steht. Waren das noch Zeiten, als wir im weltberühmten Restaurant, dem Papagallo in Bologna, bestellen konnten was das Herz begehrte. Aber auch nicht nur dort, fast in jeder Trattoria war das so – und man konnte sogar in die Küche gehen und sich aus  den Töpfen seine Wahl bereiten.
   Tempi passati!  Ein ganz klein wenig ist es noch bei meinem Italiener in Achenmühle so, wo ich gerne unter einer gewaltigen Kastanie sitze oder bei Gewitter und sintflutähnlichen Regengüssen unter großen Schirmen. Nur die Wirtin hielt’s bei mir aus, auch sie liebt solches Wetter, obwohl es die Gäste vertreibt. Sie bereitete mir noch eigenhändig  einen Mozzarella, für deren Güte ich kein Prädikat mehr fand. Auch eine halbe Portion Lasagne al forno besorgt sie mir, weil mir eine Ganze einfach zuviel ist. Es muss ja auch noch Platz für den Abendwein bleiben.
   Nein, hierher kehre ich nur zurück, um Cozze zu essen, die man hier sonst nirgendwo mehr kriegt. « Il conto per favore », und ab nach Höhenmoos ins verlassene Nest.
   Doch siehe da, man entdeckt meinen I-Pad und die gemachten Videos, holt den Pizzachef und ... man serviert mir einen Grappa zum Abschied. Das versöhnt, nicht wegen des materiellen Gewinns, wegen der Menschlichkeit.
   Mein Nissan mag Grappa, so brachte er mich brav nach Haus.

(Und das st die Sauerei beim I-Pad: Fotos oder Videos kann man nicht anhängen, die muss man separat verschicken.)

Zum Abschluss etwas Hebbel:

Sommerbild 

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

 
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Musi und »Kyberneti«
   Ein persönlicher Einschaub, eine Einladung, vergangen schon. –

   Wenn Sie noch nicht  zurückgefahren sind, würde sich ein Stopp in Höhenmoos lohnen. Es gibt in Rohrdorf ein »Bauernhausmuseum«: eine schlechte Bezeichnung für das, was es ist. Ich war dort heute Gast zu einem hinreißenden Fest mit Schwerpunkt »Musi«.
   Ich werde darüber schreiben. Ich habe mit meinem I-Pad viele Videos gemacht, kann man die per Emailanhang senden?

   Hier wird eine alte bayerische Kultur erhalten. Noch immer sind die Bayern so musikalisch. Die Ehefrau einer unserer Musikanten war dort und erzählte, dass ihr Mann von dem Abend in der Post so beeindruckt war. Aber auch eine andere Harfenspielerin mit Begleitung spielte auf. Und Buben mit ihrer Musiklehrerin, einer aparten Frau. Wundervoll!
   Mittendrin ist meine Frau Brandmaier, jene Frau, die mich nicht untergehen lässt und rührend für mich sorgt.
   Ich bin soviel unterwegs (wie man das so nennt) und habe so viel Korrespondenz wie selten in meinem Leben zuvor, lässt man das Geschäftliche außer acht. Das alles überdeckt natürlich nur den Verlust, und ist auch Flucht!
   Aber ich muss sehr dankbar dafür sein, wie es mir nach dem Tod meiner Frau ergeht.
   Doch ich schwätze schon wieder; alter Männer Art!
   Sitze in der Potteria in Achenmühle, wohin ich folgende Einladung erhielt:

Caro Giovanni,
Sono molto noiosa andare nel ristorante a Achenmühle con te ... non sono andata mai, non lo conosco ... ma sedere con te sotto gli alberi sarebbe bello ... andiamo presto, ti invito volentieri ... tanti saluti......
Mi fa da ridere, perché tu sei sempre in gamba e sai come si fa una vita bella ...
Tanti saluti

So etwa: Lieber Johannes, ich nerv dich mit meinem Wunsch mit dir ins Gasthaus in A. zu gehen … g’wes’n bin ich da nie, kenn’s net … aber mit dir unter den Bäumen zu sitzen war’ schön … geh, geh’n wir bald, ich lad’ dich gerne ein … viele Grüße … I muss lachen, weil’s du alleweil so pfundig drauf bist und dir ein gut’s Leben zu machen weißt.

Auch diese Dame lernten Sie kennen, es ist jene, die mir so tief in die Augen gesehen hat (weil sie Optikerin ist).
Die einzige deutsche Münze, auf der kein Politiker konterfeit
wurde, hat sich nicht lkang gehalten. Siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Mark#M.C3.BCnzen
   Mit Ihr diskutiere ich z. Zt. über Kybernetik, eine Wissenschaft, die in den fünfziger Jahren neu entdeckt wurde und heute vom Max-Planck-Institut breitgewalzt wird. Dabei war der Erfinder der Bauchspeicheldrüse der genialste Kybernetiker. Aber man muss das Rad immer wieder neu erfinden.
   Wir haben aber auch andere Themen, mitunter solcher, die der Kybernetik folgen. Da aber ist ja bei sich lausenden Affen schon so!
   Stoppen Sie mich, lieber Herr Jörn und seien Sie herzlich gegrüßt vom I-Pad-tippenden alten Hans-Joachim Schuldt
PS. Immer wenn ich meine drei Buchstaben eingebe, nennt eine Frauenstimme meinen vollen Namen, so muss ich mich nirgends mehr wo vorstellen. Es lebe die Technik! Doch erhaltet uns die Kultur!

Montag, 27. August 2012

Grillen sterben nicht daheim

Damit Sie sehen, dass man auch noch als Zweiundneunzigjähriger »zum Grillen« taugt.

Das stand in einer E-Mail an mich:

... Daheim sterbm d’ Leit, so sagt man in Bayern ...
Das ist noch ein bisschen früh für dich, jetzt wo du voll in deiner Blüte bist, wie ich das so höre.
    Marion



Büidl hinzugefügt vom neidischen Web-Editor


Die Reaktion:

»Daheim sterbm d’ Leit«,
hatte die Marion mir geschrieben;
»Das ist noch etwas früh für dich«,
stand auch dabei,
jetzt, wo ich in voller Blüte sei!
Da legst di nieder –
hatte ich dabei gedacht –
da läutet’s Telefon schon wieder.
»Hast du Lust heut auf’t Nacht
zu einem Grillabend zu kommen?«

Als ich aufstand heute früh, da dachte ich im Stillen,
heut wär’s ein Tag zum Grillen.
Gedenkend dieses Poems erster Zeile
hab ich gleich zugesagt, ganz ohne Eile.
Eh man verblüht, hab ich gedacht,
ist besser es, man hat beim Grillen mitgemacht.

Der Zusage war hinzugefügt:

Zum Grillen komme gerne ich,
doch bitte ich von Herzen ganz
grillt bitte nicht den Hans.

»Weil des bin i!« – Zu- und Schlusssatz des Lektors
Ein kleiner Rausch
Es war spät geworden als ich heim fuhr von Rosenheim. Die Sonne hatte ihren Tageslauf vollbracht, ein Rest von ihrem Licht verfärbte noch den Himmel. Vom Horizont hoben sich wie eine schwarze Silhouette die Kette der Berge ab. Und es gab niemanden, der mich daheim erwartete. 
   So kehrte ich noch in der Post in Rohrdorf ein, wo ich mehr zuhause bin als daheim. Mein kleiner – für eine Person grad groß genuger – Tisch war frei. Die Anneliese begrüßte mich, und schon bald stand das Abendmahl und ein erfrischendes Bier vor mir. 
   Noch ein Viertele gestattete ich mir, las ein paar eingegangene E-Mails, beantwortete noch eine und entschloss mich dann zu gehn, wegen des Restbestands von Blut im Alkohol, blieb aber am Stammtisch hängen, an dem sich die nicht mehr beschäftigten Bedienerinnen mit der Chefin zu einem Hauswein niedergelassen hatten. Nun ja, ein Achtel erlaube ich mir noch, dacht’  ich, und fühlte mich wohl beim Wein und den Gesprächen. 
   Grad wollte ich wieder gehen, da kam eine Gruppe von Damen und brachten mir ein Ständchen, als ich erklärte, auf ein weiteres Glas Wein leider verzichten zu müssen.
Was dann geschah, kann sehen wer mag, wenn er hier das Video startet. 
   Erwähnt sei noch, dass ich gut nach Hause gekommen bin und trotz schlechten Gewissens tief und lange schlief.
   
Weil ich allein bin,
Hab ich den Wein 
Mir zum Gefährten gemacht.
Wer spricht so und redet
So Weises und wacht
Mit mir bis tief in die Nacht?

Das ist die erste Strophe von Brittings Gedicht »Lob des Weines«.

Wie man sich beim Küssen näher kommen  kann!

Die Zirbelstube in der Rohrdorfer Post gibt es eigentlich gar nicht, ich nenne sie nur so, weil die Wände dieser kleinen Stube mit Zirbelholz verkleidet sind, was eine angenehme Atmosphäre verbreitet.
   Aber was gibt es nicht alles, was es eben doch gibt!
   Nun bin ich 92 Jahre alt geworden, und habe eben in jener Zirbelstube entdeckt, was viele wissen – so, wie viele diese Stube kennen, aber eben nicht mit diesem Namen, wenn denn überhaupt mit einem.
   Stube ist Stube und Küssen ist Küssen, basta, so einfach ist die Welt!
   Dass man sich aber beim Küssen näher kommen kann, das hatte ich bisher noch nicht gewusst!
   Die Stube ist in zwei ungleich große Teile geteilt. Vorne der Eingang mit einer Garderobe und dem Servier- und Kassentisch, dann an der Fensterseite nur zwei Tische, ein großer runder, an dem wir einst, vom Bürgermeister eingeladen, den neunzigsten Geburtstag meiner nun verstorbenen Frau gefeiert hatten, und ein ganz kleiner, für eine oder zwei Personen sehr gut geeignet, an den ich meine Frau im Rollstuhl noch brachte. An diesem sitze ich nun oft, meistens alleine, aber auch schon mit vielen Damen, die mir beim Mahl Gesellschaft leisten und mit denen es gut Reden ist.
   Heut’ saß ich wider alleine dort, das Fenster hinter mir natürlich offen, und da es immer wieder zufiel (was nichts mit Zufall zu tun hat, sondern dem Wind), hatte ich es mit einem antiken Gewicht, einer zur Dekoration aufgestellten Waage, gesichert. So ließ es sich hier gut aushalten; so gut, dass ich zum Nachtisch noch ein Eis und einen Kaffee bestellte. Mit meinem I-Pad auf dem Tisch war ich so in einen Brief versunken, den ich schrieb, dass ich es gar nicht bemerkt hatte, dass sich am runden Tisch ein Pärchen reiferen Alters niedergelassen hatte, das sich jedoch alleine genug zu sein schien.
   Was es zu verzehren gab, das war verzehrt, der Brief war abgeschickt per E-Mail, die Rechnung war bezahlt, und weil’s mir so gut gefiel, machte ich noch ein paar Aufnahmen von der Stube. Dann klappte ich die Tastatur aufs I-Pad, nahm meinen Stock, stand auf und drehte mich noch zu dem runden Tisch um, den ich die ganze Zeit im Rücken hatte, um mich mit einem Gruß zu verabschieden. Da sah ich das Paar sich küssen. Nicht in der Art, wie man es vom Kino oder Fernsehen her kennt – die wollten ja schließlich auch noch essen, von jener schönen lieben unschuldigen Art des sich Gernmögens, ja, auch der Liebe.
   Ich sagte nun: »Da habe ich ja meine Kamera zu früh geschlossen«, was sie lachend bejahten und sagten, »für Sie küssen wir aber gerne noch einmal!« Ich nahm das Angebot nicht an, bemerkte nur: »Beim Küssen kommt man sich halt näher!«, womit das Gespräch eröffnet war. –

25. August 2012
Nein, ein heißer Tag war das heut nicht!
Die Spuren der Hitze aber waren noch all zu deutlich.